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Aristoteles – Der Logiker – Folge 14
Heute kommt es zu einem der größten Twists der Philosophie-Geschichte. Es geht um die Entwicklung des aristotelischen Spätwerks Metaphysik und seine Auseinandersetzung mit sowohl seinem Frühwerk als auch mit seinen philosophischen Vorgängern. Aristoteles entwirft hier die Form-Materie-Distinktion, wonach die Form das strukturgebende Prinzip ist, welches einer Stoffmenge erst ihre wesentliche Einheit verleiht. Damit nähert er sich paradoxerweise wieder der Ideenlehre seines Lehrers Platon an. Wie er sich dennoch von Platon unterscheidet und in welche begriffliche Schwierigkeiten und Widersprüche er gerät: darum geht es in dieser Folge!
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Transkript
Hallo mein Name ist Daniel und ich möchte euch von Philosophie erzählen. Genauer gesagt spreche ich heute über Form und Materie bei Aristoteles.
Was bisher geschah
Uiuiui, heute wir es spannend. Damit ihr die Tragweite der heutigen Folge versteht, brauchen wir noch einmal ein kurzes „Was bisher geschah“. Die Vorsokratiker fingen an, sich zu fragen, was das Prinzip der Welt ist. Etwa Thales, der mit dem ganzen Blödsinn zumindest in der griechischen Variante angefangen hat: Er sagte, die Welt ist aus Wasser entstanden.
Kleine erste Abschweifung: Was vor Thales kam und an Ideen und Konzepten in anderen Teilen der Welt schon existierte, hat der Podcast Geister sehr schön behandelt.
Jedenfalls begannen die Vorsokratiker schnell damit, von Konkreta auf Abstrakta überzugehen, auf Prinzipien, die nicht mehr mit den Sinnen wahrnehmbar sind. Denn das sinnlich Wahrnehmbare in unserer Welt ist immer veränderlich und damit auch vergänglich. Folglich kamen sie auf die Frage, was denn unbewegte, ewige Ursachen dieser vergänglichen Dinge sein könnten.
In dieser Tradition stehend, begann Sokrates – ohne inhaltlich nach metaphysischen Prinzipien zu fragen – sich auf die Suche nach dem Allgemeinen in allen Dingen und Fragestellungen zu begeben. Platon entwarf dann als Antwort auf die Frage seines Lehrers Sokrates, was das Allgemeine ist, seine Ideenlehre. Der junge Aristoteles, selbst Schüler in Platons Akademie, glaubte nicht, dass es Ideen oder Formen für die Dinge gibt, die quasi in Regalen rumstehen und mit denen Einzeldinge verglichen werden.
Er antwortete auf Platon damit, dass er eine Einzelding-Ontologie entwarf, wonach die Einzeldinge dieser Welt und nicht die Universalien das eigentlich Existierende sind. Doch im Rahmen dieses Konzeptes von Substanzen und Eigenschaften ließ sich nicht endgültig klären, was dieses komische Allgemeine von Sokrates nun ist. Warum das wichtig ist? Hier der Gedankengang: Wenn ich Wissenschaft betreibe, dann interessiert mich ja gerade nicht, was zum Beispiel diese einzelne Katze macht. Ich will herausfinden, was im Allgemeinen das Verhalten von Katzen ist. Und das kann ich letztlich nicht an Einzeldingen bestimmen. Ich muss also die Frage nach dem Allgemeinen stellen.
Und genau das ist ja die Frage, die Ari von Sokrates vererbt wurde. Welchen ontologischen Status das hat, was allen Dingen der gleichen Art gemein ist? Darin steckt dann nämlich auch die große Frage der Vorsokratiker: Was sind die ersten Ursachen oder Prinzipien der Dinge?
Was sind die ersten Ursachen oder Prinzipien der Dinge?
Im berühmten Buch Metaphysik aus Aristoteles‘ Spätwerk macht er sich daran, dieses Problem zu lösen. Ari will hier die Prinzipien und Ursachen der Substanzen oder des Seienden, sofern es seiend ist, untersuchen. Und diese Untersuchung beginnt der Philosoph, indem er noch einmal ganz grundsätzlich fragt: Was bedeutet das eigentlich, dass die Metaphysik die Wissenschaft des Seienden als Seiendes ist?
Seine Antwort: Das heißt, dass diese Wissenschaft nicht nur einen Ausschnitt an Dingen untersucht (wie das etwa Physik oder Biologie tun) sondern alle Dinge, die sind. Und sie untersucht sie nicht mit Blick auf eine Teil-Frage, wie es die Einzelwissenschaften machen. Biologie und Physik können beide das gleich Objekt untersuchen, etwa die Erde. Sie tun es dann mit Blick auf verschiedene Aspekte ihres Sein. Die Biologie untersucht die Erde als Biosphäre, die Physik hingegen als Himmelsobjekt. Doch die Metaphysik kann sich eben nicht nur auf einen Teilaspekt des Seins beschränken. Sie untersucht das Sein darauf hin, inwieweit sie seiend sind.
Das Problem an dieser Fragestellung ist aber: Es gibt viele verschiedene Verwendungen des Wortes „sein“. Ganz in der Tradition von Sokrates untersucht Ari also diese Verwendungsweisen und sucht nach dem ihnen Gemeinsamen. Er sagt: Manches, was seiend ist, ist an sich und selbständig seiend. Das sind die Substanzen. Substanzen sind konkrete Einzeldinge im Unterschied zu Eigenschaften: Dieses Buch, Dieser Federstab, diese Kaffeetasse. Ich sprach darüber in der letzten Folge zu Aristoteles Metaphysik. Anderes ist nur in Bezug auf die Substanzen seiend. Das sind die Eigenschaften oder Universalien. Es gibt Rot nur insofern, als dass es Einzeldinge gibt, die rot sind.
Substanzen als Untersuchungsobjekt
Ari hat also geklärt, dass die Substanzen die Untersuchungsobjekte einer Wissenschaft des Seienden sind, denn nur sie seien selbstständig seiend, ohne dass sie auf etwas anderes angewiesen seien. Aber Wissenschaften zielen auf das Erfassen von Ursachen und Prinzipien ab. Wenn ich Wissen von X haben will, dann muss ich die Ursachen und Prinzipien von X kennen. Wenn ich beispielsweise wissen will, was Abseits im Fußball ist, dann will ich nicht nur wissen, was Abseits in einer bestimmten Situation ist oder in einer Reihe von Situationen. Ich will immer wissen, was Abseits ist in jeder möglichen Spielsituation. Ich will das Prinzip Abseits verstehen. Daraus folgt, dass es in der Wissenschaft vom Seienden um die Ursachen und Prinzipien von Substanzen gehen muss. Soweit ist das nachvollziehbar, oder? Und zwar nicht um die Prinzipien einer einzelnen Substanz, sondern um die Prinzipien aller Substanzen.
Nicht vergessen, wir fragen noch immer mit Sokrates: Was ist das Allgemeine und startend mit Aris Metaphysik aus dem Frühwerk, in der er sich auf die Einzeldinge als das eigentlich Existierende konzentrierte, erkennt er jetzt, dass er gewissermaßen einen doppelten Layer der Verallgemeinerung braucht. Einerseits ist ein Einzelding wie diese Fernbedienung nicht das Prinzip der Fernbedienungen und andererseits gibt es noch die Frage, was allen Prinzipien gemeinsam ist: Also dem Prinzip der Fernbedienung, der Handcreme, des Notizbuches und und und.
Und hier hat Ari noch einen Gedanken, der später noch wichtig werden soll: Wir stehen vor der Schwierigkeit, dass die Prinzipien einerseits, wie es scheint, etwas Potentielles sein müssen, weil die Möglichkeit der Wirklichkeit vorangeht. Kennt ihr diesen Typ auf Social Media, der aus allen Lego-Sets immer Millenium-Falken bastelt? Er nimmt etwa ein König-der-Löwen-Set und hat am Ende einen Millenium-Falken in Gelb- und Brauntönen. Er erkennt also in jedem Legoset die Möglichkeit des Millenium-Falkens. In diesem Sinne geht die Möglichkeit der Wirklichkeit voraus.
Zurück zu Ari: Der sagt, Prinzipien müssen deshalb Möglichkeiten sein – so haben uns das die Vorsokratiker vorgedacht – weil sie immer am Anfang stehen. Wir wollen ja wissen, was allem zugrunde liegt. Andererseits müssen Prinzipien aber auch mehr als reines Potential sein, sie müssen aktuell existieren, denn genau das bedeutet ja „Sein“. Sein ist Existenz (zumindest in einer Verwendungsweise des Begriffs) und da Sein der Untersuchungsgegenstand der Metaphysik ist, muss es also um etwas real existierendes gehen.
Erste Substanz ist nicht das Einzelding
Ari schaut sich jetzt erneut an, was die Philosophen vor ihm gesagt haben. Viele vorsokratische Naturphilosophen gingen davon aus, dass physische Objekte die Prinzipien sind. Dem gegenüber stand eine andere Tradition, allen voran Platon, die sagte, dass es außer den physikalischen Dingen – der Materie – noch andere Formen gibt, die nicht-stofflicher Natur sind und das sind die eigentlichen Prinzipien. Aristoteles steht also grübelnd vor diesen beiden Traditionslinien und fragt sich: Was ist denn nun das Sein? Form oder Materie?
Ich weiß, meine Einleitung ist für die Verhältnisse dieses Podcasts/Kanals schon außergewöhnlich lang. Aber ich will einfach, dass ihr die Tragweite des Rätsels versteht, vor dem Aristoteles steht: Wir haben eine mehrfach vertrackte Ausgangslage, der er mit seiner eigenen früheren Theorie nicht gerecht werden konnte und von der er meint, sie nur erfassen zu können, wenn er noch einmal ganz anders an das Problem herangeht.
Und an dieser Stelle kommt jetzt ein Twist von so enormer Tragweite, dass ich auf eine Verfilmung durch M. Night Shyamalan oder David Fincher warte. Ari macht hier nicht weniger als eine 180° Wende:
Er sagt: Ursache oder Prinzip der Substanzen muss eine Erste Substanz sein.
„Aber Aristoteles: Was könnte die erste Substanz sein?“
Und Aris Antwort lautet:
Erste Substanz ist nicht das Einzelding, sondern das … wait for it … Eidos. In andere Worten: Die Idee.
Das ist ganz schön krass! Nachdem der junge Ari die ganze Zeit predigte, dass die Ideenlehre doof ist und Platon Unrecht hatte, scheint der alte Ari geläutert zu sein und zu sagen: Jepp, mein oller Lehrer hatte doch recht.
Dieser Widerspruch ist so eklatant, dass sich ein nicht unbedeutender Teil der Aristoteles-Forschung darauf konzentriert, ihn aufzulösen. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Positionen. Dieser Widerspruch führte dazu, dass manche Forscher behaupten, sein Frühwerk – die Kategorien – stammten gar nicht von Ari. Manche sagen: Jupp, der olle Ari schwenkt hier tatsächlich auf die Ideenlehre ein, die er nur marginal modifiziert. Bertrand Russel sagt, dass Ari nicht so der geile Philosoph war, sich öfter mal widersprach und man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen dürfe.
Viele weisen aber auch darauf hin, dass man Eidos aus dem Altgriechischen auf unterschiedlichste Weise übersetzen kann: mit Idee, Art oder auch Form. Letzteres ist der Ausdruck, den man weithin in der Aristoteles-Forschung verwendet: Form.
Richard Rorty geht sogar soweit, dass wir gar nicht mehr sagen können, was Ari wirklich meinte. Denn der Sprachwandel habe uns schon viel zu weit von ihm weggetrieben.
Vielleicht wollte Ari auch gerade auf die Widersprüche aufmerksam machen, die mit Ontologie zwangsläufig einhergehen. Dass eine widerspruchsfreie Ontologie einfach nicht möglich ist.
Um meinen inneren Monk zu beruhigen, werde ich in diesem Video/diesem Podcast mal von keiner dieser Thesen ausgehen, sondern Christof Rapp folgen, der versucht, die frühe und die späte Lehre unter einen Hut zu bringen.
Aristoteles‘ Terminologie
Aber hier muss ich noch einen kleinen hermeneutischen Schlenker einbauen und mich noch einmal dem widmen, was ich eben so unkritisch „erste Substanz“ genannt habe: Denn Ari verändert hier seine Verwendung von Ousia, dem griechischen Wort für Substanz.
In den Kategorien nannte er Konkrete Einzeldinge Substanzen, da sie Träger akzidentieller Eigenschaften sind. Diese Substanzen erkennt Ari auch in der Metaphysik weiterhin an. Aber es ist nicht so, als wäre die eben erwähnte erste Substanz irgendeine Substanz – also ein Einzelding, das Träger von Eigenschaften ist –, die einfach vor den anderen da war. So wie Thales das vom Wasser behauptet hat.
Stattdessen fasst Aristoteles den Begriff nun weiter: Neben den Substanzen aus den Kategorien, die Ari stets im Plural verwendet, bringt er in der Metaphysik nun den Substanz-Begriff ins Spiel, wie die Vorsokratiker ihn in ihren Texten gebrauchten. Wenn in der vorsokratischen Naturphilosophie bestimmte Elemente oder Materiepartikel als Wesen oder Prinzip der Welt bezeichnet werden, dann nennen die Vorsokratiker dies genauso Substanz wie es die Pythagoreer machen, wenn sie sagen, dass die Welt aus Zahlen aufgebaut ist. Diese Verwendung von Substanz taucht bei Ari stets im Singular auf. Also Substanz im Singular ist das zugrundeliegende Prinzip. Substanzen im Plural sind die Träger von Eigenschaften.
Puh, Aristoteles‘ Philosophie wäre tatsächlich klarer, wenn er sich einfach mal ein paar verschiedene Terminologien überlegt hätte, sobald er über verschiedene Dinge spricht. Taxonomie ist soooo wichtig und wird von sooooo vielen Philosophen sooooo gründlich versaut. Ja, ich schaue vorwurfsvoll zu die rüber, Heidegger!
Nur Substanz kan Prinzip sein
Ari fragt jedenfalls: Was kann denn Ursprung oder Prinzip der Substanzen #plural sein. Nur etwas, was selbst Substanz ist. Denn die Substanz ist selbständig und kann ontologisch nicht von etwas Nichtselbständigen abhängig sein. Das war ja der Spring- und Angelpunkt in den Kategorien. Wenn Platon also von der Röte oder der Größe an sich spricht, dann geht das dem späten Ari noch immer zu weit.
Jedenfalls folgert Ari, daraus, dass die erste Substanz #singular Ursache des Seins von Substanzen #plural sein muss. Aber er wehrt sich jetzt sowohl gegen diejenigen Vorsokratiker, die einfach irgendwelche Materie als Substanz #singular annehmen, als auch gegen Platon, der annimmt, dass die Substanz #singular etwas von den Substanzen #plural Verschiedenes ist, nämlich die Idee. Ari meint stattdessen, dass die Substanz #singular in irgendeiner Form (Vorsicht Spoiler) in den Dingen liegen müsse, zugleich aber auch keine Materie sein könne.
Form-Materie-Distinktion
Was die erste Substanz #singular seines Erachtens wirklich ist, das erklärt Aristoteles mit der sogenannten Form-Materie-Distinktion. Die Substanz eines Dinges beschreibt demnach die notwendigen Eigenschaften, ohne die ein Einzelding aufhören würde, ein und dieselbe Sache zu sein. Fragt man: Was ist die Ursache dafür, dass diese Materieportion Sokrates ist?, so ist Aristoteles’ Antwort: Die Substanz von Sokrates.
Die Substanz ist aber kein weiterer Bestandteil der neben den materiellen Bestandteilen eines Dings existiert. Würden wir das annehmen, würden wir wieder bei den Ideen landen. Es bedürfte einer weiteren Erklärung – eines Strukturprinzips – um zu erklären, wie die Substanz mit den materiellen Bestandteilen vereint ist. Und es war einer der schärfsten Kritikpunkte von Aristoteles an Platon, dass der diese Ursache nicht erklären kann, die für die vermeintliche Verbindung zwischen den Ideen und den materielle Dingen führt. Was soll das für eine unsichtbare Schnur sein, die vom überhimmlischen Ort, an dem die Idee im Regal liegt, zum Konkreten Ding Katze, die schnarchend neben mir auf dem Sofa liegt, reicht? Die Substanz kann aber auch kein materieller Bestandteil sein (wie es die Vorsokratiker annahmen), sonst wäre nicht zu erklären, warum ausgerechnet ein bestimmtes materielles Ding die Substanz ist und die anderen nicht. Was soll diese Materie besonders machen? Bei der Beantwortung dieser Frage waren die Vorsokratiker immer wieder in Probleme hineingeraten.
Nehmen wir ein konkretes Einzelding wie dieses Smartphone. Die Idee des Smartphones ist nicht seine Substanz #singular, denn es ist etwas vom Ding verschiedenes. Aber die Materie aus der das Ding besteht (Glas, Silizium, Plastik, Metall) ist auch nicht die Substanz. Denn die gleiche Materie anders angeordnet könnte ein ganz anderes Ding ergeben.
Das, was das Smartphone zum Smartphone macht, ist nach Aristoteles die Form des Smartphones. Diese Form liegt in den Dingen selbst und macht ihre besonderen, wesentlichen Eigenschaften aus. Die Form des Smartphones ist das, was allen Smartphones gemeinsam ist. Form ist das, was einer bestimmten Menge Materie Einheit verleiht. Eine teleologische Einheit. Merkt euch den Begriff schon einmal, denn wir kommen darauf zurück.
Auch hier müssen wir wieder aufpassen, dass wir unsere alltäglichen Begriffe nicht mit Aristoteles‘ Fachterminologie durcheinander werfen. Wenn ich beispielsweise „die Form des Smartphones“ sage, dann ist damit nicht bloß gemeint, dass das Ding rechteckig ist. Vielmehr ist „Form“ bei Aristoteles viel mehr wibbly-wobbly-timey-wimey. Eben ein metaphysischer Begriff. Und dass er so unklar bleibt, ist einer der größten Kritikpunkte an seinem Konzept.
Was hat alles Form und Materie?
Bei Artefakten (von Menschen gemachten Dingen) ist die Form noch halbwegs verständlich. Hier sagt Aristoteles, dass die Form auch die formale Ursache im Geist der Produzentin ist. Also eine Pizza entsteht, weil die Pitzzabäckerin die Form dafür im Geist hat. Und Form meint erneut nicht einfach Kreis, sondern das Wissen darum, wie die Materie (Mehl, Wasser, Hefe, Tomatensoße, Mozarella, Salz und Gewürze) zum Ding Pizza zusammengefügt werden. Und diese Form steckt dann nach Aristoteles im fertigen Ding Pizza drin.
Aber auch natürliche Gegenstände und Lebewesen haben nach Aristoteles diese Form-Materie-Distinktion. Ein konkretes Einzelding wie Katze oder Stein bestehe aus Form und Materie. Allerdings sagt Ari in einem möglichen Widerspruch auch, dass die Form nichts ist, was entstehen und vergehen kann, und zugleich glaubte er, dass sie nicht losgelöst von den Einzeldingen vorkommt, wie Platon das von Ideen annahm. Wie soll das zusammenpassen. Bei einer Katze können wir uns das noch eher schlecht als recht mit der DNA der Katze zurechtbiegen. Aber was ist die Form des Berges?
Es gibt noch weitere Ungereimtheiten. Denn es macht immer mal wieder den Eindruck, als wäre die erste Substanz #singular der Metaphysik die zweite Substanz der Kategorien. Ich weiß nicht, ob ihr euch noch an die erinnert. Wie wiederholt gesagt: Der junge Ari legt in den Kategorien eine Metaphysik vor, die auf Einzeldingen aufbaut, muss aber zugleich das von Platon überlieferte Universalienproblem lösen. Also die Frage: Was ist denn die Katze an sich. Ari macht das ein wenig unelegant, indem er sagt: Ja, das ist auch eine Substanz. Aber eine Substanz zweiter Ebene, da sie abhängig von den ersten Substanzen #plural ist. (Schaut/hört noch einmal meine Folge zu Gattung und Art). Erneut möchte ich betonen wie wichtig eine gute Terminologie ist und wie viel verständlicher Ari wäre, wenn er mal verschiedene Begriffe verwendet hätte!
Hier noch einmal das Problem an einem Beispiel: Nehmen wir den Begriff „Mensch“. Wenn Ari von der Substanz Mensch spricht, kann er also entweder das meinen, was aus einem willkürlichen Materiehaufen das konkrete Ding Mensch macht, also die Form oder er kann die Gattung Mensch meinen, die sich aus den Einzeldingen Mensch zusammensetzt.
Die Form ist der Materie einer Sache entgegengesetzt. Die Gattung hingegen ist etwas Allgemeines und die Exemplare einer Gattung sind aus Form und Materie zusammengesetzt. Sagt man „Sokrates ist ein Mensch“, dann meint „Mensch“ in diesem Satzzusammenhang Gattung. Es ist das Allgemeine. Aber das konkrete Ding Sokrates ist aus Form und Materie zusammengesetzt. Für Platon war beides – Gattung und Form – noch identisch: nämlich die Idee. Aber gegen diese Vorstellung wehrt sich ja Aristoteles.
Gegen eine Form als ein Allgemeines, das über den Einzeldingen, unabhängig von ihnen existiert (wie es die platonischen Ideen tun), spricht nach Ari, dass diese Idee nicht Ursache für das sein könne, von dem es getrennt ist. Die Form muss im Ding selbst liegen.
Ein Allgemeines im Sinne von Gattung und Art ist stattdessen etwas begriffliches, ein begrifflicher Bestandteil einer Sache. Ari meint, das könne nicht Substanz sein, weil es sonst eine Substanz innerhalb einer Substanz gäbe. Diese wäre dann aber nur Substanz eines Teils der Sache (hä?). Das spricht seiner Meinung nach auch gegen Materie als Substanz einer Sache. Ich brauche wirklich dringend Alkohol. Ist ein Negroni eigentlich eine Substanz in einer Substanz?
Einordnung von Arisoteles‘ Metaphysik
Ich weiß, das tut alles ein bisschen weh und wir können diese begrifflichen Schwierigkeiten nur verstehen, wenn wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass Aristoteles sich noch im ersten Paradigma der Philosophie bewegte. Für ihn gibt es nur die Welt als Untersuchungsgegenstand. Er hatte noch keinen Descartes und Kant gelesen und kam nicht auf die Idee, dass das Denken selbst ein Untersuchungsgegenstand sein könnte und der menschliche Geist die Welt möglicherweise nicht erfassen kann, wie sie ist. Und Ari hatte genauso wenig Ahnung, dass Bertrand Russell, Ludwig Wittgenstein und Konsorten auch noch die Medialität der Sprache aufs Tapet heben werden, um zu problematisieren, wie die unseren Blick auf die Welt verstellt.
Außerdem dürfen wir auch nicht mit der Arroganz des 21 Jahrhunderts auf Ari als irgendwie weniger schlau blicken. Denn unsere aktuellen Konzepte in der Philosophie sind nicht wenige problematisch als Aris Konzept hier. Zukünftige Generationen werden auf uns gucken und sagen: Lol, wtf?! Wie konnten die sowas glauben. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.
Dennoch muss am Ende die Kritik stehen, dass Aris Reise begann mit der Ausgangsfrage: Was ist das Allgemeine und seine Antwort am Ende lautet: Zumindest nicht die Form. Das ist wenig befriedigend. Schauen wir uns noch einmal alles an, was wir heute gehört haben:
Wir haben uns die Entwicklung des aristotelischen Spätwerks Metaphysik angeschaut und seine Auseinandersetzung mit sowohl seinem Frühwerk als auch mit seinen philosophischen Vorgängern. Während der junge Aristoteles zunächst konkrete Einzeldinge als die einzig wahre Realität ansah, widmet er sich in seinem Spätwerk der Suche nach dem Allgemeinen, das diesen Dingen zugrunde liegt. Er entwirft dabei die Form-Materie-Distinktion, wonach die Form das strukturgebende Prinzip ist, welches einer Stoffmenge erst ihre wesentliche Einheit verleiht. Damit nähert er sich paradoxerweise wieder der Ideenlehre seines Lehrers Platon an, verortet diese Formen jedoch direkt innerhalb der materiellen Objekte. Was Ari damit aber nicht verhindern kann, ist, dass er in begriffliche Schwierigkeiten und Widersprüche gerät.
Das war ein harter Brocken, daher hat es auch so lange gedauert, bis diese Folge erschienen ist. Ich hoffe, jetzt geht es wieder etwas schneller voran. In der Nächsten Folge zur Ontologie werden wir uns noch einmal im Detail das Verhältnis von Form und Materie angucken und Aris wirkungsträchtige Unterscheidung von Potentialität und Aktualität. Ihr könnt euch schon darauf freuen. Ich danke euch, dass ihr mir eure Zeit geschenkt habt.
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Philosophie-Videos:
- Platons Ideenlehre
- Aristoteles – Kritik an Platons Ideenlehre
- Aristoteles – Metaphysik
- Aristoteles – Gattung und Art
- Aristoteles – Semantik
- Alle Philosophie-Folgen
- Wie das mit der Philosophie angefangen hat
Zur weiteren Recherche über Aristoteles:
Aristoteles – Die Kategorien *
Aristoteles – De Interpretatione *
Aristoteles – Erste Analytik *
Bertrand Russell – Die Philosophie des Abendlandes *
Christof Rapp – Aristoteles *
Otfried Höffe – Aristoteles: Die Hauptwerke *
Eduard Zeller – Die Philosophie der Griechen: Zweiter Teil: Sokrates, Plato, Aristoteles *
Herman Siebeck – Aristoteles *
Gottfried Martin – Einleitung in die allgemeine Metaphysik *
Wolfgang Detel – Grundkurs Philosophie Band 2. Metaphysik und Naturphilosophie *
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